Es war Samstag früh. Ich selbst saß in der Arbeit und meine Freundin blätterte so auf den Beagle in Not Seiten (www.beagle-entlaufen.de). "Guck mal, der ist süß". O.k. ich bin rüber, hab auf das Bild geschaut, den Text überflogen und gesagt, ich ruf mal im Tierheim an, ob er irgendwie rausgeholt werden soll oder ob sie ihn selbst vermitteln. War ein süßes Bild - er sah aus, wie ein kleinerer zarter Beagle, die Beschreibung klang auch sehr positiv.
Ich rief an dort - "ja, der Beagle ist ein bisschen schwierig, da muss ich mal den Vorstand fragen - ohne Genehmigung darf er auch mit den Gassigängern nicht raus". Ich hab so bisschen nachgefragt. Ja, er hätte schon mal geschnappt. Oh, dachte ich, das ist ja genau der Hund für mich.... Normalerweise ruft dann vom Tierheim eher niemand zurück und man muss sich selbst drum kümmern. Doch diesmal rief der Vorstand recht schnell, ausgesprochen nett zurück und erzählte die Beißgeschichte von Kallie - diesmal klang es schon deutlich verschärft - im Grunde so, dass man nicht mehr wusste, was man mit dem Hund tun soll. Ich könne ihn sehr gerne holen, aber ich solle doch mal mit der Tierärztin sprechen, die würde ein paar Häuser nebenan im Dorf wohnen, wo Kallie vorher war. Die Tierärztin rief an und erzählte mir die ganze Geschichte - ich hoffe, dass ich sie noch richtig im Kopf habe:
Kallie lebte ca. gute 5 Jahre im Dorf bei einer Familie, die sich wenig bis gar nicht um ihn kümmerte. Er war da auf dem Hof. Wie so oft beim Beagle war Kallie nicht dumm und beschäftigte sich halt selber. Grub Löchelchen, ging im Dorf spazieren, fraß mal hier, fraß mal dort... Mit drei Jahren (?) biss er den 6jährigen Sohn der Familie. Nuja... nix passiert. Kallie ging weiter spazieren. Eines Tages war er wieder unterwegs und wurde von ein paar Kindern aufgesammelt. Sie banden ihn an eine Laterne, um ihn später heimzubringen. Das eine kleine Mädchen (3 Jahre?) tat dann das, was es daheim mit dem ruhigen Labrador immer tat. Es ging hin und nahm Kallies Kopf zärtlich in den Arm. Vielleicht war Kallie durch das Festbinden oder die vielen Kinder aufgeregt, vielleicht war er auch schon öfter von Kindern traktiert worden, man weiß es nicht - jedenfalls biss er mit voller Wucht direkt in das Gesicht des Mädchens, mehrfach. Das Kind hat es überlebt, ist aber für immer voller Narben im Gesicht. Die Tierärztin meinte, wenn sie das Mädchen sieht, könnte sie heulen.
Kallie bekam an diesem Tag wohl so große Dresche wie noch nie... genützt wird es wohl nur den schlagenden Menschen haben
Weil die Dorfbewohner jetzt die Nase von dem Hund voll hatten und zu befürchten war, dass er erschlagen wird, nahm ihn die Tierärztin (Vorstand im TH Potsdam) mit und brachte ihn in Sicherheit. Kallie war dort sehr schwierig und hatte gelernt, dass man sich durch gezieltes Beißen durchsetzen kann. Eigentlich ein prima Hund, aber so nicht vermittelbar.
Spontan beschlossen wir, gleich Samstag mittag bis Leipzig zu fahren und ihn dann am Sonntag zu holen.
Am Sonntag fuhren wir los nach Potsdam. Die Tierärztin rief an und meinte, dass sie ihn für uns sedieren würde. Ich: ????????? wieeeeso sedieren???????? Ja, er könne nicht Auto fahren. Ach ja, ob er stubenrein sei, das wisse man nicht genau... Na super dachte ich, es wird immer besser mit diesem Tier... Wir kamen früh im Tierheim Potsdam an (die Fahrerei für diese ganzen Nothunde ging mir mal wieder auf die Nerven...) und wurden gleich von der Tierärztin begrüßt. Dazu kam noch eine große Überraschung: Da saß doch tatsächlich Marietta mit ihrer neuen Beaglehündin Biene auf einem Stein und war extra dazu gekommen :-))) - und teilte mir gleich mit, dass Kallie ein "riesen Klopps" sei...
Das Tierheim selbst ist baulich eine Katastrophe. Schaut selbst... Potsdam will oder kann nichts zahlen und die hochmotivierten Mitarbeiter können nur wenig tun... ein Thema für sich.
Das ist Anja, die Tierärztin - eine Frau, die über den Tellerrand schauen kann und sehr genau hinschaut. Hut ab vor ihrer Arbeit!!!! Sie und Niklas Wenke dort vom Tierheim würde ich ohne Zögern als Tierheimleiter des Jahres ernennen. |
Das ist der Eingang zum Tierheim und man sieht hinten ein wenig den langen Bau mit den dicken Eisengitterstäben. Erinnert mich an einen Bärenkäfig mit lauter kleinen Zwingern drin. |
Anja zeigte uns den Trakt der bissigen Hunde und ich war überrascht, dass sie sogar mit dem Clicker arbeitete. U.a. saß dort eine Bracke - im Grunde chancenlos, vorher grausamst misshandelt und unter Drogen gesetzt. Ein armer Hund. Ich stand so davor... der Hund guckte uns an... hab gesagt, dass ich jetzt erstmal versuche, den Beagle zu vermitteln und die Bracke ja eventuell später mal holen kann - viel zu groß war sie. Anja meinte, ich könne den Hund eh nicht in die Stadt holen, der müsse zu nem Jäger oder so. Zu schwierig... naja... und ich erleichtert... man kann schließlich nicht alle Hunde retten... [Die Fortsetzung folgt unter folgendem Link: Nothund Charly ]

Irgendwann dreht ich mich um und sah hinten in einem anderen Trakt einen Beagle:
Er lag ganz ruhig da und beobachtete uns.
Ich ging ein bisschen näher - das war also Kallie. Kallie war leider ziemlich groß und erinnerte mich spontan an Guido aus dem TH Berlin..
Zum Kennenlernen gingen wir mit dem Schatz in
den Wald spazieren. Kallie zog wie ein Stier und wollte an den Po der Mädels.
Aber o.k. andere Leute gehen fürs Bizepstraining ins Fitnesstudio... Kallie
hatte auch gaanz schnell entdeckt, dass Coffey grade noch einen Tag endläufig
war. Doch auch diesmal denken wir NUUUUR positiv...
ziemlich viele Schnakenstecher dort im Wald... Kallie ist ein zerrender Klopps...


Nachdem wir alle Formalitäten erledigt hatten - "ach ja, die Impfung läuft im August aus...", konnte ich mit Kallie das Tierheim verlassen und das Spiel beginnen: Zieh mich doch, zieh mich doch... nein, ich geh nicht ins Auto - sonst beiß ich halt - lalala".
Schweißgebadet gingen wir wieder ins Tierheim, um schnell einen Maulkorb zu holen. Auf das Sedieren hatten wir verzichtet.
Der üppige Geldregen der Stadt Potsdam hatte glücklicherweise ermöglicht, dass neue moderne Maulkörbe zur Genüge herum lagen. Wir konnten ihn irgendwann auch aufschnallen und lächeln.
von Kallie haben wir mit Maulkorb leider kein Bild mehr gemacht, dafür hier Colin und Coffey mit dem hübschen Teil ;-) |
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Und wieder begann das Spiel: nein nein nein, ich geh nicht ins Auto - vom Kennel her dazu das Geknurre von Coffey - irgendwie auch wieder verständlich, dass Kallie nicht direkt da Platz nehmen wollte... Schweiß... diese blöden Nothunde... wieso macht man das eigentlich?????
Irgendwann war ich es leid und ich zog ihn mit Schwung hoch ins Auto. Schwupp die Türe zu und die Leine so gefädelt, dass er nicht vorspringen konnte. Auf gings nach Nürnberg. Kallie schwer hechelnd hinter mir - nein, ich will nicht Auto fahren, ich will nicht Auto fahren, ICH KOMM JETZT MAL VOR... aber er kam nicht vor. Nach 2 Stunden machten wir ein Päuschen bei McDonalds und Kallie bekam seinen Maulkorb runter. Uff! Und Pommes schmecken auch lecker!
Danach gings alles besser. Wir schrieben mal eine SMS an Karl, der schon Guido aus Berlin genommen hatte (auf dieser HP unter ehemaligen Nothunden beschrieben) - ob er nicht vielleicht noch einen bissigen Beagle mag???? Die Antwort kam schnell: Kastriert??? Ja, schrieben wir. Wir könnten ihn in ein paar Stunden bringen. Jetzt war erstmal Pause. Dann kam die Antwort: "O.k.! Bin grad mit family spazieren. hab schon überlegt, nen 2. zu haben! Boah, bis aus Potsdam? Wieer an Preussen? :-) Meld dich, wenn du nah bist! Gute Fahrt! Karl" Jepp. Auf nach Erlangen zum Treffpunkt. Karl mochte ihn auf Anhieb und wir ließen ihn recht bald ganz unverschämt stehen, um ins Bett zu gehen. Ob er ihn ins Auto kriegen würde??
Am nächsten Tag bekam ich die SMS: Bonjour! Drehen grad die 1. Runde für heut. Läuft ganz gut bis jetzt. Hugo (= Guido) macht halt a weng auf Chef!...Hört sogar schon ein bisschen!" Ein paar Tage später: "Hi! Läuft klasse! Waren sogar schon in der Stadt laufen! Schnurgefuddel... Ist echt ein ganz lieber!!"
Kallie hat wohl den großen Joker gezogen :-))) Und ich auch - ich wusste nämlich noch gar nicht 100% sicher, ob nicht vielleicht der bissige Westie wieder zurück kommen würde. Viel Gepoker war das.
Kallie, auch dir alles, alles Gute - du warst ein Beagle, den ich auch gerne behalten hätte - und ich vergesse sicher nie, wie wir zusammen Pommes bei McDonalds gegessen haben!