Tody - eine Begegnung mit einem durchgeknallten Hund und seiner durchgeknallten Besitzerin

Kleiner Jagdhund - mei, dachte ich, das wird schon zu schaffen sein... Ich hatte ja schon lange von Frau und Hund in der Gartenkolonie gehört. Frau X. (um die 60 Jahre) kam jeden Morgen mit kreischendem, zerrendem Tody am Grundstück meiner Freundin vorbei - sie an der Krücke, die dann vor dem Grundstück gerne auf den Hund geknallt wurde, damit er nicht so bellt... "ah, da kommt wieder Tooody" war der gewohnte Satz am Telefon... ich hörte es den Schatz im Hintergrund...

Nachdem sie das lange beobachtet hatte und ich gerade einen Pflegeplatz frei hatte, beschloss meine Freundin, Frau X zu fragen, ob sie den Hund nicht hergeben würde. Einige Verhandlungen - ja, doch, sie könne sich das vorstellen, da sie ja nicht mehr gesund sei, demnächst auch ins Krankenhaus müsse. Es gab mehrere Vorgespräche mit ihr und sie solle es sich wirklich noch einmal gut überlegen. Sie war schließlich ganz begeistert und fragte einen Tag, bevor ich nach Berlin kam noch, ob es dabei bleibt. Weil ich ja von so weit weg her käme.

Ja, es bleibt dabei. Marion fährt im Hochsommer 500 km nach Berlin, um den Jagdterrier zu holen.

Gleich bei meiner Ankunft und dem Besuch bei Frau X - der Hund freute sich wahnsinnig und wollte am liebsten gleich mitkommen - bekam ich von Frau X ein Buch über den Jagdterrier geliehen. Das solle ich erst einmal lesen!
Tody durfte nie spazieren gehen, sondern verbrachte seinen Tag mit Besitzerin und Krücke in einem kleinen Garten, wo er den Tag damit verbrachte, wie eine gesengte Sau am Zaun entlang zu springen, wenn ein Mensch in Sichtweite kam. DAS hatte ich ja schon gehört - aber den Anblick von Frau X in ihrem Garten - mit Bikini! völlig sonnenverbrannt und schlaffer Haut lief sie da herum - es hatte etwas Abstruses, als ich da später hinkam, um noch einmal mit ihr zu reden.

Mittags der erste Ausflug - strömender Regen und quackige Wege... unvergessen! Wir packten den durchgeknallten Terrier in den kleinen Micra und fuhren zu einem großen See. Tody zog wie ein Stier und beruhigte sich auch nicht. Einmal ließ ich ihn ein wenig in das Wasser und war bis heute beeindruckt!!! Dieses Tier hing kreischend in der Leine, weil irgendwo!!! sehr irgendwo hinten im See ein paar Enten waren. Er ruderte und ruderte und kam ja doch keinen Meter voran. Jeder Hund würde irgendwann aufgeben. Tody NICHT. Ich fischte ihn irgendwann aus dem Wasser. Meine Mädels griff er da schon gelegentlich an, aber es ging noch. Ich war mir nicht mehr sehr sicher, ob ich so ein kreischendes Tier tatsächlich in meine stille Wohnung mitnehmen könnte. Auf einer Bank versuchte ich ihn zur Ruhe zu bringen. Ich hielt ihn fest wie ein Schreibaby - ganz bisschen hat es geholfen, aber letztlich war Tody auf meinem Schoß eine Plage!

Wieder daheim bekam ich meinen ersten Anschiss von Frau X (wirklich wie eine wildgewordene Tarantel!): Böse, böse, der Karabiner war irgendwie von der Leine abgegangen und sie unterstellte mir, dass ich ihn gestohlen hätte! Ich mein, gut, wir konnten natürlich bestens ablästern hinterher, es hatte viel Komik, aber letztlich fing ich an, grätig zu werden.

Dem Hund zuliebe machte ich am nächsten Tag noch einmal einen Gassitermin aus. Er lief wieder röchelnd, ohne auch nur einmal Luft zu holen, an der Leine, fiel gelegentlich die ahnungslosen Mädels an und sprang auch auf einmal wie ein Kampfhund in die Flanke eines Setters, um sich dort festzuhängen. Ne, also bei allem guten Willen, so einen Hund nehm ich nicht. Ich fuhr wieder zurück. Frau X war nicht in ihrer Wohnung. Also ging ich zu meiner Freundin, um den Hund später abzuliefern. Nach vielleicht einer halben Stunde ging ich noch mal los, um zu schauen, ob sie da wäre. Ich traf sie in der Kolonie: es war 10 Minuten nach 6. Die knallte voll durch! Schrie mich an, dass ich den Hund nicht abgeliefert hätte und was weiß ich. Bei mir dauert es eigentlich lange, bis ich wirklich ärgerlich werde, aber zu diesem Zeitpunkt war ich es! Armer Tody musste mit der Krücke mit und schaute sich noch lange um.... da fühlt man sich ja dann auch nicht so gut.

Am nächsten Tag teilte mir Frau X mit, dass sie Tody behalten wolle. Und dann der Knallersatz: wenn ich UNBEDINGT einen Jagdterrier wolle, dann gäbe es bestimmt in Bayern auch welche!

Meine Rache folgte auf den Fuß. Sie bekam ihr Buch nicht mehr zurück - immerhin ein Wert von knapp 30 Euro - wir haben es später verkauft und meine Freundin hat noch liebevoll den kleinen Kleber mir dem Namen von Frau X herausgelöst :-)

Die ihrerseits wusste aber natürlich lange nicht, ob sie nun ihr Buch wieder bekommt oder nicht. Zu Weihnachten bekam ich eine ausgesprochen freundliche Grußkarte - wo ganz nebenbei auch das Buch erwähnt wurde - ne, kannste vergessen, du dumme Kuh! Später rief sie mich dann noch zweimal an - ich habe einfach aufgelegt und bin sicher, sie war genauso wütend, wie ich es in Berlin war! Immerhin eine gewisse Befriedigung, aber letztlich hat mich die Fahrt ca. 100 Euro gekostet - was nur dadurch ausgeglichen wurde, dass ich ein paar Tage bei meiner Freundin verbringen konnte.

Tody hat übrigens später noch lange! immer wieder sehnsüchtig in den Garten geschaut, ob ich nicht doch da bin - bis heute habe ich ihm gegenüber ein schlechtes Gewissen.